SCS Summit 2026: Digitale Souveränität – angekommen in der Praxis

200 Menschen, zwei Bühnen, ein gemeinsames Ziel: Am 21. Mai 2026 kam die Sovereign Cloud Stack (SCS)-Community im bUm Berlin zusammen – und der diesjährige SCS Summit machte deutlicher als je zuvor, dass digitale Souveränität keine Zukunftsvision mehr ist, sondern gelebter Alltag. Im Auditorium lief das Hauptprogramm mit Panels, Keynotes und politischen Impulsen; parallel dazu füllte die bUm Box den ganzen Tag mit technisch tiefgehenden Praxisvorträgen. Die Energie im Raum war spürbar: Diese Community bewegt wirklich etwas.

Ein historischer Moment als Startschuss

Den Auftakt machten Anja Voß (DigitalHub.SH) und Lisa Seifert (Forum SCS-Standards), die gemeinsam in den Tag einführten, gefolgt von den Sprechern des Forums SCS-Standards Ralph Dehner (B1 Systems), Janis Kemper (Syself) und Felix Kronlage-Dammers (Leiter Forum SCS-Standards), welche einen wichtigen Meilenstein in den Mittelpunkt rückten: Im März 2026 hat der IT-Planungsrat die SCS-Standards verbindlich in den Deutschland-Stack aufgenommen. Was lange als ambitioniertes Ziel galt, ist damit politische Realität geworden. Dr.-Ing. Matthias Burgfried vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) gab anschließend den Sachstand zum Deutschland-Stack: Wo stehen wir, welche Herausforderungen bleiben, wie geht es weiter?

Der Beschluss des IT-Planungsrats zog sich wie ein roter Faden durch den gesamten Tag – er ist nicht nur eine Anerkennung der Arbeit der Community, sondern auch ein klarer Auftrag: Die Infrastruktur muss jetzt skalieren, die Standards müssen in der Fläche ankommen.

Wozu eigentlich so viele Standards?

Genau diese Frage stellte das erste große Panel des Tages, moderiert von Miriam Seyffarth (OSBA): „Warum so viele Standards? Digitale Souveränität zwischen SCS, C3A & Co.“ Auf der Bühne saßen Luise Kranich (BSI), Dr. Kai Martius (secunet), Joachim Astel (noris network) und Dr. Lea Beiermann (ZenDiS) – eine Runde, die unterschiedlicher kaum sein könnte und gerade deshalb produktiv war. Die Antwort, die sich herauskristallisierte: Standards schaffen nur dann echten Mehrwert, wenn sie ineinandergreifen und wenn der Nutzen für die Anwendenden klar ist. Der SCS ist dabei kein Konkurrenzprodukt zu anderen Initiativen, sondern ein Baustein in einem größeren Ökosystem.

Das zweite Panel des Tages – „Open-Source-Standards in der Praxis“, moderiert von Dr. Daniel Gerber (ALASCA) – beleuchtete die Perspektive derjenigen, die die Standards täglich umsetzen: Cloud&Heat, OSISM und UhuruTec sprachen offen darüber, wie sie als direkte Wettbewerber im selben SCS-Forum zusammenarbeiten, was das in der Praxis bedeutet – und welche Konsequenzen der IT-Planungsrats-Beschluss für ihre Kunden und Produkte hat.

Für einen anderen Blickwinkel sorgte Prof. Dr.-Ing. Karin Vosseberg von der Hochschule Bremerhaven: Sie stellte vor, wie dort Digitale Souveränität, Open Source und Nachhaltigkeit als Dreiklang aktiv in die Informatik-Lehre integriert werden. Eine Erinnerung daran, dass digitale Souveränität nicht nur eine Infrastrukturfrage ist, sondern auch eine Bildungsfrage – und dass die nächste Generation von Entwicklerinnen und Entwicklern entscheidet, wie souverän unsere digitale Zukunft wird.

Von der Theorie zur Produktion

Einer von vielen praktischen Einblicken kam von Martin Seebe (DATEV) und Matthias Haag (UhuruTec): Seit 2025 betreibt DATEV, der größte IT-Dienstleister für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte in Deutschland, eine SCS-konforme IaaS-Plattform in Produktion – gebaut auf YAOOK und uStack, vollständig mit GitOps verwaltet. Das ist kein Pilotprojekt mehr. Dass ein Unternehmen dieser Größe und mit dieser Verantwortung auf SCS-konforme Open-Source-Infrastruktur setzt, ist ein starkes Signal für die gesamte Community.

Parallel dazu zeigte Michel Raabe (B1 Systems) gemeinsam mit Daniel Pfanz von Körber Pharma in der bUm Box, was eine Migration von Red Hat OpenStack zu einer OSISM-basierten Umgebung in der Praxis bedeutet: Netzwerk-Redesign, Datenübernahme laufender Workloads, architektonische Unterschiede – und am Ende die Erkenntnis, dass der Aufwand sich lohnt, weil volle Kontrolle über die eigene Infrastruktur keine Selbstverständlichkeit ist.

Souveräne KI und der nächste Stack

Ein Thema, das in diesem Jahr besonders viel Aufmerksamkeit zog, war KI – und die Frage, ob digitale Souveränität auch im KI-Zeitalter möglich ist. Christoph Streit (ScaleUp Technologies) zeigte im Auditorium, wie SCS-Infrastruktur als Grundlage für den anbieterunabhängigen Betrieb von Sprachmodellen und anderen KI-Anwendungen dienen kann. Dabei ging es nicht nur um Infrastruktur, sondern um grundlegende Fragen: Was steckt wirklich hinter dem Begriff „Open Source AI“? Streit beleuchtete den sogenannten „Openness Spectrum“ und analysierte, wo Anbieter das Label „Open“ nutzen, ohne echte Offenheit zu bieten – Stichwort Openwashing. Echte technologische Unabhängigkeit, so sein Fazit, braucht keine Kompromisse – sie braucht die richtigen offenen Standards und ein kritisches Verständnis dafür, was „offen“ wirklich bedeutet.

In dieselbe Richtung wies der Talk von Cloud&Heat und Cloudogu in der bUm Box: Gemeinsam stellten Sarah Günther und Johannes Schnatterer vor, wie ein vollständiger Open-Source-Stack aussehen kann – von der SCS-zertifizierten OpenStack-Infrastruktur über eine Betriebsplattform für Tool-Stacks bis hin zu den Endanwendenden. Wechselfreiheit nicht nur auf Infrastrukturebene, sondern bis in die Softwarewerkzeuge der Nutzerinnen und Nutzer – genau das, was der Deutschland-Stack fordert.

Kubernetes, Storage und Community-Tiefgang in der bUm Box

Wer am Nachmittag in die bUm Box wechselte, tauchte tief in die technischen Realitäten des SCS-Ökosystems ein. Chris Werner Rau (teuto.net) präsentierte einen Open-Source Cluster API Control Plane Provider für souveränes Kubernetes – ohne proprietäre Abhängigkeiten, vollständig deklarativ und GitOps-freundlich. Janis Kemper (Syself) gab Einblicke in zweieinhalb Jahre Betrieb einer Kubernetes-as-a-Service-Plattform auf Basis des SCS Cluster Stack Frameworks: Was funktioniert, was ist komplex, und wie betreibt man Datenbanken in Kubernetes zuverlässig?

Das Projekt Kube3 zeigte, dass digitale Souveränität auch im Hochschulbereich ankommt: Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen bauen gemeinsam föderierte KaaS-Systeme für Hochschulen – von Hochschulen. Lena Becker (RWTH Aachen) und Martin Mai (Universität Bamberg) machten deutlich, welche besonderen Anforderungen und Herausforderungen dieser Sektor mitbringt – und dass der SCS dabei als konkreter Orientierungsrahmen dient.

Den Abschluss der bUm Box machten Joachim Kraftmayer und Mario Listes von CLYSO mit einem Blick hinter die Kulissen der Open-Source-Entwicklung: Was bedeutet es, Maintainer von Ceph und Rook zu sein – zwei der zentralen Storage-Projekte im Cloud-Native-Ökosystem? Eine Frage, die selten so direkt gestellt wird, und die zeigt, welche Verantwortung hinter aktivem Community-Engagement steckt.

Zertifikate, Quiz und ein langer Abend

Den emotionalen Schlusspunkt im Auditorium setzte die Certificate Award Ceremony: Gleich fünf Unternehmen erhielten ihre SCS-Zertifikate feierlich überreicht. artcodix und dNation wurden als „Certified SCS IaaS Integrator“ ausgezeichnet. Cloud&Heat Technologies erhielt die Zertifizierung „Certified SCS-compatible IaaS“. Ein besonderes Highlight war die Verleihung der Zertifizierung „Certified SCS-compatible KaaS“ an Syself und noris network – sie bestätigt die Konformität ihrer Kubernetes-as-a-Service-Angebote mit den SCS-Standards und unterstreicht die wachsende Bedeutung offener, kompatibler Cloud-Lösungen. Jede dieser Zertifizierungen ist ein klares Bekenntnis zu Interoperabilität und digitaler Souveränität – und zeigt, dass das SCS-Ökosystem in der Praxis ankommt und wächst. Davor gab es noch eine SCS-Quiz-Show – mit Fragen zur Geschichte, zu Zielen und zu den Irrungen und Wirrungen der Initiative, die manchen Schmunzler, aber auch manche überraschende Erkenntnis produzierte.

Beim abendlichen Get-Together am Landwehrkanal ließ die Community den Tag ausklingen – neue Kontakte, alte Verbindungen, erste Ideen für das nächste gemeinsame Projekt. Genau dafür ist der SCS Summit gemacht.

Bis zum nächsten Jahr

Der SCS Summit 2026 hat gezeigt, wie weit die Community in kurzer Zeit gekommen ist: Standards, die greifen. Infrastrukturen, die in Produktion laufen. Politischer Rückenwind, der so stark ist wie noch nie. Und eine Community, die nicht nur diskutiert, sondern baut.

Save the date: Am 22. April 2027 findet der nächste Sovereign Cloud Stack Summit statt. 

Wir freuen uns auf euch!

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